Die graphische Allegorie

Ein relativierendes Element und Medium in Hinblick auf ihre gesellschaftlichen Aufgaben · Text: Vladan Antonović

Eine graphische Sammlung entstand in der frühen Neuzeit als ein möglichst vollständiges Kompendium des menschlichen Weltbildes. Bis zum frühen 18. Jahrhundert richtete sich ihre Ordnung nach dem dargestellten Thema, ehe Pierre-Jean Mariette – Kustos der Sammlung des Prinzen Eugen von Savoyen – auf die alphabetische Reihung nach Künstlern überging. Über Giacomo Conte Durazzo führte dieser Weg zu Adam Bartsch, dessen Werk bis heute das Fundament der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Graphik bildet. Diese künstlerisch-regionalen Systeme erfassten jedoch nicht die Zwecke der Graphik.

Walter Koschatzky teilte die Druckgraphik darum nach ihrer gesellschaftlichen Rolle in fünf Gruppen ein:

1 · Graphik als Propaganda Fide
2 · Erfassung der menschlichen Wirklichkeit
3 · im Dienste von Politik und Macht (und deren Kritik)
4 · Graphik als Kunstwerk
5 · Graphik als Medium der Moderne

Über diesen Gruppen stehen übergreifende Elemente – Kritik, Karikatur, Satire und vor allem die Allegorie. Gerade sie ist das am wenigsten fassbare Glied jeder Systematik: Die allegorische Darstellung ist eine künstlerische Fassung der geistigen Welt abstrakter Begriffe, deren Grenzen Emblematik und Ikonographie setzen. Sie fügt jedem Bild eine oder mehrere Bedeutungsebenen hinzu und verweist auf die verborgene Botschaft. Drei Faktoren trugen ihre Laufbahn in der Neuzeit: die Verweltlichung sakraler Themen, die Verknüpfung antiker und christlicher Mythologie und die Vergegenwärtigung der Themen.

In der Graphik wird die rätselhafte Allegorie durch zwei Eigenheiten begrenzt: durch die vielfache Reproduzierbarkeit, die sich an ein breites, anonymes Publikum wendet, und durch die häufige Einfügung von Text – ein Zitat, ein Sprichwort oder ein eigens gedichteter Vers –, der das Bild beschreibt oder erläutert.

Graphische Allegorie als Propaganda Fide

Das älteste Einsatzgebiet war die kirchliche Lehre. Der Holzschnitt war mit seiner naiven Ausdruckskraft ein hervorragendes Medium auch für niedrigere soziale Schichten; mit der Allegorie bereichert (Totentanz, Gleichnisse des Neuen Testaments) wirkte er als sozialer Katalysator. Aus diesem Kreis emanzipierten sich – wesentlich mit Hilfe des nackten Körpers – fast alle thematischen Kategorien: biblische Stoffe wie Josephs Keuschheit, Lot und seine Töchter, Susanna und die beiden Alten oder Adam und Eva entdeckten den Menschen als autonome ästhetische Kategorie. Die konfessionelle Spaltung der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verlagerte die Themen zu moralischen Grundsätzen aus dem Alten Testament und bildete so eine Ideenbrücke zwischen den Lagern.

Graphische Allegorie in den Diensten von Politik und Macht

Einen der wichtigsten Impulse gab die politische Propaganda. Die erste große Auftragskunst schufen Künstler unter Dürer und Hans Burgkmair für Kaiser Maximilian I. – Ehrenpforte und Triumphzug zählen zu den ehrgeizigsten Versuchen aller Zeiten. Feste, geprägt von Ephemerarchitektur und allegorischen Wagen, brachten der Graphik den größten öffentlichen Anklang. Ein glanzvolles Beispiel erlebte Innsbruck am 15. Februar 1580 zur Hochzeit Johanns von Kolowrat mit Katharina von Payrsberg: Sigmund Elsässer stach im Auftrag Erzherzog Ferdinands II. 36 Blätter mit den Szenen des Festzugs. Die Teilnehmer traten als mythologische Helden auf – Apollo, Ceres, Neptun, Herkules –, der Erzherzog selbst trug die Maske Jupiters, „ein Gott aller Götter“. So rückte die Allegorie den Herrscher in die Nähe der Gottheit.

Graphische Allegorie als Kunstwerk

Die Erfindung des Kupferstichs mit seinen präzisen, fließenden Linien entsprach den gesteigerten ästhetischen Ansprüchen der Neuzeit; mit der Radierung wurde die Triade der „schwarzen Künste“ vollendet. Eine allegorische Graphik, die „nur“ als autonomes Kunstwerk gelten will, muss auf einen ihrer wesentlichen Bestandteile verzichten – auf den Text –, damit der Betrachter sie wie ein Werk der anderen Künste bewerten kann. Dürers Ritter, Tod und Teufel, der unerschrockene Pilger auf dem Weg unseres Schicksals, ist das Paradebeispiel: eine Allegorie des menschlichen Daseins ganz ohne Wort.

Graphische Allegorie als Erfassung der menschlichen Wirklichkeit

Im Dienst des menschlichen Geistes öffnet sich der Allegorie eine breite Palette: Sinne, Künste, die Ordnungen des Kosmos und der Zeit. Der Gelehrte konnte seine Entdeckungen mit allegorischen Personifikationen veranschaulichen. Johannes Stradanus’ Folge Nova Reperta (Neueste Erfindungen) ordnet die Entdeckung Amerikas, den Kompass, die alchimistische Destillation, die Uhren, die Brille, den Kupferstich und die Ölmalerei auf eine gemeinsame Bedeutungsebene – der Einblick in Werkstatt und Labor wird mit Hilfe des Textes zur Huldigung an den erfinderischen menschlichen Geist.

Beispiele aus der Sammlung

Antonović wählte aus den Bänden der deutschen und tirolischen Künstler einige Blätter aus und deutete sie ikonographisch wie ikonologisch. Eine Auswahl – jedes Blatt trägt auf seiner Katalogseite die zugehörige Erläuterung:

Die vollständige Dissertation

Dieser Text fasst die Studie zusammen, die der gesamten Erschließung der Sammlung zugrunde liegt. Die vollständige Dissertation samt wissenschaftlichem Katalog und allen Abbildungen steht als PDF zur Verfügung:

↓ Dissertation als PDF (V. Antonović, Innsbruck 2002)

→ Die Sammlung durchsuchen